{"id":778,"date":"2020-06-02T23:37:29","date_gmt":"2020-06-02T21:37:29","guid":{"rendered":"http:\/\/erinnerungsort-herne.de\/?page_id=778"},"modified":"2020-07-28T21:58:53","modified_gmt":"2020-07-28T19:58:53","slug":"karfreitag-1945-der-golgatha-weg-von-herne-in-den-tod","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/erinnerungsort-herne.de\/aktuell\/karfreitag-1945-der-golgatha-weg-von-herne-in-den-tod\/","title":{"rendered":"Karfreitag 1945: Der Golgatha-Weg von Herne in den Tod"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser Artikel ist am 09. April in der WAZ-Herne erschienen. Von <strong>Norbert Arndt<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor 75 Jahren, am 10. April 1945, werden Herne und Wanne-Eickel von US-Truppen besetzt und vom NS-Terrorregime befreit. Bis in die letzten Tage l\u00e4uft in Herne die Mordmaschine auf Hochtouren. Der letzte Weg vieler Opfer beginnt im Herner Polizeigef\u00e4ngnis.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ab Herbst 1944 werden Gef\u00e4ngnisse \u201eevakuiert\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Seit dem \u00fcberraschenden Vorsto\u00df der Westalliierten in den Aachener Raum, im Herbst 1944, steigt bei NS-Beh\u00f6rden, Justiz und Polizei die Nervosit\u00e4t. Ende September 1944 wird im Befehlsstand der rheinisch-westf\u00e4lischen Sicherheitspolizei in D\u00fcsseldorf festgelegt, dass die H\u00e4ftlinge bei wachsender Unsicherheit der Lage \u201eaus den Gefangenenanstalten abgeholt und liquidiert\u201c werden sollen. Kurz darauf beginnen im Ruhrgebiet die \u201eEvakuierungen\u201c von heillos \u00fcberf\u00fcllten Gef\u00e4ngnissen und die Aufl\u00f6sung der Arbeitslager.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So werden am fr\u00fchen Morgen des 5. Februar 1945 sowjetische H\u00e4ftlinge aus dem Polizeigef\u00e4ngnis Herne mit einem Lkw abgeholt, nach Hunswinkel in der N\u00e4he von L\u00fcdenscheid gebracht und erschossen. Von der auch f\u00fcr Herne und Wanne-Eickel zust\u00e4ndigen Gestapo-Leitstelle in Dortmund-H\u00f6rde wird nach der alliierten Rhein-\u00dcberquerung im M\u00e4rz 1945 angeordnet, die Gefangenen frei zu lassen oder sie in ein zentrale Sammel- und Auffanglager der Gestapo in Dortmund-H\u00f6rde zu \u00fcberf\u00fchren. Innerhalb kurzer Zeit treffen hier jetzt laufend H\u00e4ftlingstransporte aus allen Richtungen des Ruhrgebiets ein. Die Lage eskaliert vollends, als am 1. April 1945 bei Lippstadt der Ruhrkessel geschlossen ist und die alliierten Truppen mit gro\u00dfem Tempo auf Ruhr und Emscher vorr\u00fccken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unter den H\u00e4ftlingen im Hafthaus und Polizeigef\u00e4ngnis am Adolf-Hitler-Platz (Friedrich-Ebert-Platz) herrschen Angst und Panik. Nach vorbereiteten Listen werden die H\u00e4ftlinge f\u00fcr den Transport in den Tod selektiert. Hilde Lucke, junges Mitglied einer sozialistischen Widerstandsgruppe (SPD-MdB 1965-76) ist im Polizeigef\u00e4ngnis inhaftiert. Sie erinnert sich: \u201eEs war entsetzlich, einfach entsetzlich.(\u2026) In der Nacht von Gr\u00fcndonnerstag auf Karfreitag h\u00f6rte man Sch\u00fcsse, die Zellen wurden aufgeschlossen, zwei holl\u00e4ndische Mith\u00e4ftlinge weinten. Ich selbst dachte, dass es jetzt aus ist mit mir. Auf einmal hie\u00df es: Lucke fertig machen!\u201c Wie durch ein Wunder bleibt sie verschont und wird nur in eine andere Zelle gebracht. Am n\u00e4chsten Morgen berichten Kalfaktoren von schweren Schie\u00dfereien. Zwei v\u00f6llig betrunkene Beamte meinen, was in der Nacht geschehen sei, k\u00f6nne nie wieder gut gemacht werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In dieser Nacht beginnt auch der Golgatha-Weg von deutschen und franz\u00f6sischen Nazigegnern aus dem Drahtwerk Union in Lippstadt. Ein Mith\u00e4ftling berichtet sp\u00e4ter: \u201eIn der Nacht von Gr\u00fcndonnerstag zum Karfreitag 1945 wurden die Lippst\u00e4dter Arbeiter abgeholt. Man erkl\u00e4rte ihnen, sie sollten keinen Fluchtversuch unternehmen, andernfalls w\u00fcrden sie erschossen, sie k\u00e4men nach Dortmund zur Entlassung. Merkw\u00fcrdig war mir nur, dass sie aneinandergefesselt wurden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Erschie\u00dfungen im Dortmunder Rombergpark<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die 13 Gestapo-Gefangenen werden nach H\u00f6rde gebracht und kurz vor Ostern, mit etwa 300 weiteren politischen H\u00e4ftlingen im Rombergpark durch Genickschuss get\u00f6tet. Bei einem der Lippst\u00e4dter Opfer handelt es sich um den 34-j\u00e4hrigen franz\u00f6sischen Schwei\u00dfer Leon Chadirac, dem Herne nicht unbekannt war. Vor seinem Einsatz in Lippstadt ist der Kriegsgefangene in Herne zur Zwangsarbeit abkommandiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Seit dem Jahreswechsel 1944\/45 werden lange Kolonnen vom Hunger ausgemergelter und zerlumpter, insbesondere russische Zwangsarbeiter auch aus umliegenden St\u00e4dten in Richtung Dortmund durch die Stadt getrieben. Wer den Strapazen nicht gewachsen ist und zur\u00fcckbleibt, wird von der Wachmannschaft erschossen. Die Leichen werden in Bombentrichtern verscharrt oder einfach am Stra\u00dfenrand liegen gelassen. Nach vorsichtigen Sch\u00e4tzungen kommen von den zehntausenden Zwangsarbeitern in 76 nachgewiesenen Lagern \u00fcber 1700 Gefangene zu Tode. Nicht wenige von ihnen in den letzten Wochen des Krieges.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Volkssturmangeh\u00f6rige erschie\u00dfen Russen in Herne<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Einzugsbereich der \u00f6rtlichen NSDAP-Ortsgruppen sind unter dem Kommando \u201ealter SA-Kameraden\u201c Volkssturmwachen eingerichtet. Am 5. April 1945 etwa bekommt ein Angeh\u00f6riger der Volkssturmwache Constantin, die in den letzten Kriegswochen zahlreiche Exekutionen ausf\u00fchrt, den Befehl, zum Polizeigeb\u00e4ude zu gehen und weitere Auftr\u00e4ge entgegen zu nehmen. Von einem Polizeibeamten werden ihm zwei M\u00e4nner \u00fcbergeben die, wie andere zuvor, erschossen werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach Unterlagen des Stadtarchivs wurden am 3. April 70 versprengte russische Kriegsgefangene durch das Volkssturmbataillon Constantin aufgegriffen. Sie wurden vermutlich noch am gleichen Tag erschossen. Volkssturmangeh\u00f6rige der NS-Ortsgruppe Stadtgarten erschie\u00dfen eine unbekannte Anzahl von vermeintlichen \u201ePl\u00fcnderern\u201c. Derweil ist man in der Stadtverwaltung, bei der Polizei und den Arbeits\u00e4mtern in beiden St\u00e4dten eilig bem\u00fcht, belastende Unterlagen und Akten zu verbrennen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am 10. April 1945 endet in Herne und Wanne-Eickel der Krieg<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bis zum fr\u00fchen Morgen des 10. April 1945 fordert der fanatische \u201eEndkampf\u201c des \u201eFreikorps Sauerland\u201c, einer Sondereinheit des Volkssturms, oberhalb der V\u00f6destra\u00dfe noch sinnlose Opfer. Gegen 10 Uhr ist in Herne in der Hand von US-Truppen. Etwa zeitgleich passiert das auch in Wanne-Eickel, nachdem tags zuvor die Kreisleitungen der NSDAP, wie in Herne, fluchtartig die Stadt verlassen haben. Beiderseits des Rathausplatzes \u00f6ffnen sich im Polizeigef\u00e4ngnis und Hafthaus endlich die schweren Zellent\u00fcren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Artikel ist am 09. April in der WAZ-Herne erschienen. Von Norbert Arndt. Vor 75 Jahren, am 10. April 1945, werden Herne und Wanne-Eickel von US-Truppen besetzt und vom NS-Terrorregime befreit. Bis in die letzten Tage l\u00e4uft in Herne die Mordmaschine auf Hochtouren. Der letzte Weg vieler Opfer beginnt im Herner Polizeigef\u00e4ngnis. Ab Herbst 1944 [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":639,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"_coblocks_attr":"","_coblocks_dimensions":"","_coblocks_responsive_height":"","_coblocks_accordion_ie_support":"","_uag_custom_page_level_css":"","footnotes":""},"class_list":["post-778","page","type-page","status-publish","has-post-thumbnail","hentry"],"featured_image_src":"https:\/\/erinnerungsort-herne.de\/aktuell\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Hildegard-Lucke.jpg","uagb_featured_image_src":{"full":["https:\/\/erinnerungsort-herne.de\/aktuell\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Hildegard-Lucke.jpg",206,277,false],"thumbnail":["https:\/\/erinnerungsort-herne.de\/aktuell\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Hildegard-Lucke-150x150.jpg",150,150,true],"medium":["https:\/\/erinnerungsort-herne.de\/aktuell\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Hildegard-Lucke.jpg",206,277,false],"medium_large":["https:\/\/erinnerungsort-herne.de\/aktuell\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Hildegard-Lucke.jpg",206,277,false],"large":["https:\/\/erinnerungsort-herne.de\/aktuell\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Hildegard-Lucke.jpg",206,277,false],"1536x1536":["https:\/\/erinnerungsort-herne.de\/aktuell\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Hildegard-Lucke.jpg",206,277,false],"2048x2048":["https:\/\/erinnerungsort-herne.de\/aktuell\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Hildegard-Lucke.jpg",206,277,false],"post-thumbnail":["https:\/\/erinnerungsort-herne.de\/aktuell\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Hildegard-Lucke.jpg",206,277,false],"twentytwenty-fullscreen":["https:\/\/erinnerungsort-herne.de\/aktuell\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Hildegard-Lucke.jpg",206,277,false]},"uagb_author_info":{"display_name":"Redaktion","author_link":"https:\/\/erinnerungsort-herne.de\/aktuell\/author\/erinnern-fm\/"},"uagb_comment_info":0,"uagb_excerpt":"Dieser Artikel ist am 09. April in der WAZ-Herne erschienen. Von Norbert Arndt. Vor 75 Jahren, am 10. April 1945, werden Herne und Wanne-Eickel von US-Truppen besetzt und vom NS-Terrorregime befreit. Bis in die letzten Tage l\u00e4uft in Herne die Mordmaschine auf Hochtouren. Der letzte Weg vieler Opfer beginnt im Herner Polizeigef\u00e4ngnis. Ab Herbst 1944&hellip;","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/erinnerungsort-herne.de\/aktuell\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/778","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/erinnerungsort-herne.de\/aktuell\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/erinnerungsort-herne.de\/aktuell\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/erinnerungsort-herne.de\/aktuell\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/erinnerungsort-herne.de\/aktuell\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=778"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/erinnerungsort-herne.de\/aktuell\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/778\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":792,"href":"https:\/\/erinnerungsort-herne.de\/aktuell\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/778\/revisions\/792"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/erinnerungsort-herne.de\/aktuell\/wp-json\/wp\/v2\/media\/639"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/erinnerungsort-herne.de\/aktuell\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=778"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}